Wird die eigene Behinderung richtig formuliert, muss diese bei der Bewerbung kein Hindernis sein.

Menschen mit Handicap haben es oft schwerer, einen Job zu finden – auch wenn Arbeitgeber eigentlich dazu verpflichtet sind, ihnen (bei gleicher Eignung) eine faire Chance zu geben. Doch an dieser Stelle klaffen Theorie und Praxis oft auseinander. Die Folge: Menschen mit einer Behinderung neigen dazu, sich kleiner zu machen, als sie eigentlich sind. Sie fühlen sich angesprochen? Dann lesen Sie in diesem Artikel, wie Sie im Bewerbungsschreiben ihre Schwerbehinderung am besten formulieren, denn die Wortwahl kann den Unterschied machen.

Im Grunde genommen gibt es bei Menschen mit Handicap mehrere „Menschentypen“ (ebenso wie bei gesunden Menschen). Der Unterschied liegt darin, wie Probleme oder Herausforderungen angegangen werden und wie das Selbstverständnis ausgeprägt ist.

1. Der mutige Kämpfer

Wer zur Fraktion „Kämpfer“ gehört, der sollte dies auch in der passenden Formulierung im Bewerbungsschreiben so formulieren. Der eine oder andere freche Beisatz ist dabei durchaus erlaubt. So könnte die passende Formulierung im Bewerbungsschreiben so aussehen:

  • „Meine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau habe ich als Jahrgangsbeste bestanden. Die Prüfung zur Veranstaltungsfachwirtin habe ich drei Jahre nach dem Ausbildungsabschluss abgelegt. Überzeugt? Dann wird Sie die Tatsache, dass ich im Rollstuhl sitze, hoffentlich auch nicht mehr davon abhalten, mich zum Vorstellungsgespräch einzuladen.“
  • „Aktuell stehen zwei Telefone an meinem Schreibtisch. Und wenn beide gleichzeitig läuten und noch dazu E-Mails im Minutentakt ankommen – dann ist das Maß an Stress erreicht, das mir guttut und mich anspornt. Ja, ich bin ein Workaholic und ich bin froh, wieder in meinen Beruf als Speditionskauffrau zurückgekehrt zu sein – auch nachdem ich bei einem Motorradunfall meinen linken Unterschenkel verloren habe und seitdem schwerbehindert bin.“
  • „Thementorten sind meine Spezialität. Da mein Arbeitgeber künftig keine Konditoreispezialitäten mehr anbieten wird, möchte ich mich gerne bei Ihnen als Konditorin bewerben. Gerne bringe ich ein Versuchsstück zum Vorstellungsgespräch mit – Sie dürfen sich sogar wünschen welches. Da ich seit einer Krankheit taub bin, dürfen Sie mir Ihren Wunsch gerne per E-Mail schicken. Ein Vorstellungsgespräch ist indes kein Problem, denn ich habe gelernt, von den Lippen zu lesen.“

Die Beispiele zeigen: Der Kämpfer rückt den Job in den Mittelpunkt. Die Behinderung ist dabei ein Teil des Menschen, steht aber nicht im Fokus. Die Erwähnung der Behinderung hat lediglich die Funktion, das Gegenüber „vorzuwarnen“. Dies ist eine gute Variante, um zu informieren, ohne dem Thema Schwerbehinderung zu viel Raum zu überlassen.

2. Der wissende Berater

Wer über sein Handicap informiert, schafft Vertrauen, aber Achtung: Besserwisser sind nicht gerne gesehen.

Hier ist der Grat zwischen guten und schlechten Formulierungen verhältnismäßig schmal und es gilt zu unterscheiden, wann eine wertige Information weitergegeben wird und wann der wissende Berater Gefahr läuft, als Besserwisser abgestempelt zu werden. Deswegen sei nun ein Positiv- und ein Negativbeispiel erwähnt:

So ist’s gut formuliert: „Wie Sie meinen persönlichen Daten entnehmen können, bin ich aufgrund einer Muskelerkrankung schwerbehindert. Bis dato hat sich das nicht negativ auf meine Arbeit ausgewirkt, wie Sie auch der beigefügten Empfehlung meines aktuellen Arbeitgebers entnehmen können. Gerne können Sie auch direkt Kontakt zu ihm aufnehmen und vielleicht so klären, welche Vorteile eine Anstellung auch für Sie haben könnte.“

So besser nicht: „Erfüllen Sie eigentlich Ihre Behindertenquote? Sie wissen doch, dass sie mit mehr als 20 Angestellten mindestens fünf Prozent der Stellen mit Behinderten besetzen müssen, oder? Erkundigen Sie sich – und dann freue ich mich auf ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen.“

3. Der leidende Kranke

Beginnt ein Bewerbungsschreiben mit den Worten „vor drei Jahren veränderte sich mein Leben drastisch“, kann eigentlich nur ein Drama folgen. Wenn dann noch die Details des schweren Autounfalls, der Krebs-Diagnose oder ein ähnliches Horrorszenario ausführlich vorgestellt werden, dann könnte es vielleicht noch etwas mit dem Job als Geschichtenerzähler werden – aber in einem klassischen Bürojob beispielsweise sind Drama-Queens und -Kings eher weniger beliebt. Das Problem ist: Das persönliche Drama, der Schicksalsschlag, der zur Schwerbehinderung geführt hat, werden eindringlicher und in der Regel auch dominanter vorgestellt, als die fachliche Qualifikation.

So liegt es nur auf der Hand, dass Anhänger der Fraktion „Der leidende Kranke“ weniger gern zur Besetzung der Stelle in Erwägung gezogen werden – denn wer sich als „Mensch mit schwerem Schicksal“ vorstellt, gilt nicht gerade als stressresistent und belastbar.

Wann muss eine Behinderung Thema werden?

Auf diese Frage gibt es eine vergleichsweise einfache Lösung: Ist die Behinderung auf den ersten Blick erkennbar, sollte diese auch Thema im Bewerbungsschreiben sein. Geht es nicht um eine „sichtbare“ Behinderung, muss jeder Bewerber sich individuell entscheiden, ob er von vornherein mit offenen Karten spielen möchte. Der Kämpfer-Fraktion sei dazu geraten. Den Kranken und Besserwissen eher nicht, denn sie tun sich mit ihrer unpassenden Art keinen Gefallen.

Der Vorteil eine Behinderung zu erwähnen liegt darin, dass Ihr künftiger Arbeitgeber Sie als sehr offenen Menschen begreifen wird. Der Nachteil liegt darin, dass Arbeitgeber immer noch Hemmungen haben, Menschen mit Behinderung einzustellen – weil sie strengere Restriktionen in punkto Kündigungsschutz und Arbeitsplatzeinrichtung fürchten.

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